Brief aus Aarau im Oltener Tagblatt
Die verschwundene Kegelbahn
In der Stadt Aarau gab es, bevor es in den langen, niedern Häuschen für
immer dunkel wurde, an die 20 Kegel-
bahnen. Heute sind (Irrtum vorbehalten) in ganz Aarau noch vier
Kegelbahnen, in Betrieb, eine davon gerade
hinter dem Grossratsgebäude, wo ja auch nicht mehr grosse «Babeli
»geschossen werden. Kürzlich wurde, wie
man vernehmen konnte, in einem bekannten Gasthof einer Aarauer
Ausssengemeinde die dort installierte
Kegelbahn «herausgerissen» und damit die Babeli-Landschaft um eine
weitere Turnierstätte ärmer gemacht.
Das Interesse am Kegelsport gehe eben zurück, wurde die Aufhebung einer
der letzten Bastionen in unserer
Gegend kommentiert.
Dazu ist allerdings zu sagen, dass die Schrumpfung schon seit Jahren
anhält und zwar zum Leidwesen der
Kegelklubs, die weit entfernt von Interesselosigkeit verzweifelt
umherrannten, um in einer fremden Kegelbahn Unterschlupf zu finden.
Abbruch von alten Gaststätten mit Kegelbahn, Umbauten, die die
Entfernung einer Kegelbahn mit sich brachten, andere Zweckbestimmung
eines Gebäudes bei Handänderungen usw.
haben im Laute der letzten Jahrzehnte eine Reihe von Kegelbahnen zum
Verschwinden gebracht. Sonst hörte
der nächtliche Wanderer schon von weitem das Donnergrollen aus den
langgestreckten niedern Häuslein,
wenn die Kugel die Rinne herunterrollte oder auf die aufgestellten
Kegelreihen zuschoss, um dann wie das
leibhaftige Schicksal den «König» zu stürzen und mit ihm alle Neune. Und
kaum war man in der nächsten
Strasse, so tönte aus einer andern Wirtschaft, immer aus dem länglichen
Anbau, der gleiche grollende Ton und
darauf das Geprassel der stürzenden Kegel.
Schon einige Zeit, seit Jahren glaube ich, war die Kugel im Hinterbau
des Restaurants «Landhaus» (vis-a-vis der Alten Kantonsschule)
verstummt, und kürzlich brach auch dieses Häuslein unter dem Trax
zusammen.
Hier eine Aufstellung der Kegelbahnen in Aarau die verschwunden oder
einfach nicht mehr in Betrieb sind, wie zum Beispiel im Hotel «Rebe»,
neben dem Grossratsgebäude, wobei die stillgelegte Kegelbahn das Gute
hatte, während des Hotel Umbaus von der zartbesaiteten Wirtin als
Notbett benutzt werden zu können. Gute Nacht!
Berühmt war auch die Kegelbahn im «Affenkasten», sowie im «Hirschen», wo
heute die EPA steht.
Mit dem Kegelschub verschwunden ist auch das Restaurant «Feldgarten»,
beim Aufstieg zur Oberholzstrasse, und auch im «Salmen» ( heute
Spaghetteria ) in der Metzgergasse rollte und knallte es jeweils im
Hintergrund.
Ich möchte betonen, dass die Liste unvollständig ist und dass es auch
die traditionsreichen Kegelschübe in'
diesen Wirtschaften am linken Aareufer gab. So findet sich im Adressbuch
von 1888 die «Donnerstag-Kegelgesellschaft» im Gasthof «Kreuz».
Aarau muss in vergangenen Tagen ein Kegelschub Zentrum von landesweiter
Resonanz
gewesen sein. Gab es doch hier, an der Asylstrasse, noch in den
dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts
eine eigentliche Fabrik von Kegelbahnen, nämlich die Firma Lauri-Kiefer,
«Erstellung kompletter Anlagen mit
Bodenbelag in Asphalt und Parkett, Renovation bestehender Anlagen,
Kugeln und Kegel mit Patentstellung
nach neuestem System». Die Produktion lief unter dem Titel «Aargauischer
Kegelbahnbau».
Eine längere Zeit gehörte es zum gute Ton, einem Kegelklub anzugehören,
und im allgemeinen Schub
wurden auch Damen-Kegelklubs gegründet, die an Muskulatur und Stosskraft
ihren männlichen Rivalen um nichts
nachstanden. Plötzlich sah man lange Gesichter. Es waren Angehörige von
heimatlos gewordenen Klubs, denen
man die Kegelbahn «weggenommen» hatte: das heisst, die Kegelbahn war
wegen der am Anfang aufgeführten Gründe aufgehoben worden. Die
heimatlosen Klubs suchten und fanden so gut es ging Unterkunft in einer
andern Kegelbahn, bis diese dann auch unterging.
Herzlichen Dank an Kari Tellenbach für das Senden dieses Berichtes
Falls auch Ihr was Lesenswertes findet, immer her damit.  Peter Candio